Reitz: Es gibt mehr Absicherungsbedarf

Peter Reitz, Chef der Leipziger Energiebörse EEX, sieht den Stromhandel durch die Energiewende nicht vom Aussterben bedroht. Dem Strukturwandel unter den Handelsteilnehmern kann er sogar positive Aspekte abgewinnen.E&M: Herr Reitz, der gesamte Stromhandel schrumpft, die erneuerbaren Energien bringen den Markt durcheinander, viele große finanzielle Akteure und Banken ziehen sich aus dem Handel zurück. Ist der Stromhandel schon tot? Brauchen wir ihn und Ihre EEX noch?

Reitz: Tot ist er lange nicht. Ich glaube auch nicht, dass er in nächster Zeit sterben wird. Die EEX ist als Stromhandelsplatz im Markt etabliert. Zu unserem geschäftlichen Erfolg tragen aber mehr und mehr auch andere Geschäftsfelder bei. Und das ist ein Erfolg unserer Diversifikation.

E&M: Tatsache ist aber, dass immer mehr große Banken und Handelshäuser aus dem Strommarkt aussteigen.

Reitz: Es ist richtig, dass sich große Banken zurückziehen. Die Händler, die bei diesen Banken tätig waren, werden aber nun nicht alle Automechaniker, sondern die tauchen wieder im Markt auf, vielfach bei Energiehandelshäusern oder indem sie ihre eigenen Firmen aufmachen. Es gibt ganze Handelsabteilungen, die ein Unternehmen verlassen und dann eine eigene Firma gründen und weiterhin mit Strom handeln − nur eben auf eigene Rechnung oder mit Hilfe von Finanzinvestoren. In diesem Markt findet tatsächlich ein Strukturwandel statt. Und der ist für uns positiv.

“Der Spothandel hat sicherlich eine positive Zukunft”

E&M: Wieso das?

Reitz: Die großen Banken haben entsprechendes Kapital und entsprechende Bilanzen, die es ihnen ermöglichen, auch bilateral und außerbörslich zu handeln. Wenn an die Stelle dieser großen Bank dann ein kleineres neues Unternehmen tritt, hat es meist nicht das Kapital und die Kreditlinien, um außerbörslich zu handeln. Deshalb sind diese neuen Marktteilnehmer und auch diejenigen, die mit ihnen handeln, wesentlich mehr an einem Clearing-Angebot interessiert, das beiden Seiten das Kontrahentenausfallrisiko abnimmt. Dieser Strukturwandel führt also dazu, dass sich das Geschäft ein Stück in Richtung Clearing verschiebt.

E&M: Der Marktanteil der EEX wächst stetig. Mit einem Marktanteil am deutschen Gesamtmarkt von 28 bis 29 Prozent ist auch noch Luft nach oben. Aber es gibt Skeptiker, die sagen, dass in den nächsten Jahrzehnten der langfristige Handel an Bedeutung verlieren wird, weil der Markt vom kurzfristigen Wettergeschehen bestimmt wird.

Reitz: Dass man den Stromterminmarkt in einer solchen Welt nicht mehr braucht, ist in das Reich der Fabeln zurückzuweisen. Das Gegenteil ist der Fall. Es wird immer schwieriger, vorherzusagen, gerade wenn man wetterabhängig ist, wie viel Strom tatsächlich produziert wird. Das heißt, die Unsicherheit der einzelnen Marktakteure ist ein Faktor, der dafür sorgt, dass es mehr Absicherungsbedarf gibt. Dafür müssen die erneuerbaren Energien allerdings tatsächlich am Markt teilnehmen. Das geht nicht mit Einspeisetarifen.

Peter Reitz: “Der Handel im kurzfristigen Bereich wird extrem zunehmen”
Bild: Jürgen Jeibmann, Leipzig

E&M: Aber der Handel wird immer kurzfristiger werden.

Reitz: Das stimmt. Wetterprognosen für den nächsten September sind wahrscheinlich nicht mal das Papier wert, auf dem sie stehen. Deshalb wird der Handel im kurzfristigen Bereich, und damit meine ich nicht nur innerhalb eines Tages oder noch für den morgigen Tag, extrem zunehmen. Darauf haben wir reagiert, wir haben Tages- und Wochenend-Futures eingeführt, so dass man seine Produktion noch flexibler am Terminmarkt absichern kann, beispielsweise für einzelne Tage innerhalb der nächsten Woche. In diesen Produkten sehen wir auch eine deutliche Zunahme der Liquidität, das heißt, je mehr Wetterabhängigkeit wir in diesem Markt bekommen, desto mehr Volumen wird es im kurzfristigen Bereich geben. Der Spothandel hat sicherlich eine positive Zukunft und ist für uns ein wichtiges Geschäftsfeld. In Zusammenarbeit mit der französischen Epex Spot entwickeln wir diesen Markt weiter.

“Dass es in der Vergangenheit technische Probleme gab, ist nichts, was uns besonders stolz macht”

E&M: In der Vergangenheit haben gerade Netzbetreiber darüber gestöhnt, dass der elektronische Handel der Epex Spot gelegentlich durch technische Schwierigkeiten gestört war. Sie sind dadurch in Probleme geraten.

Reitz: Erstmal ist es ein gutes Zeichen, wenn die Marktteilnehmer sagen, dass es nichts Schlimmeres gibt, als eine nicht vorhandene Plattform. Das zeigt, wie bedeutend diese für die Netzausgleichsaktivitäten der Netzbetreiber ist. Dass es da in der Vergangenheit technische Probleme gab, ist nichts, was uns besonders stolz macht. Wir haben in letzter Zeit sehr viel investiert, um diese abzustellen. Das zeigt jetzt Erfolge. Wenn wir uns die jüngere Vergangenheit anschauen, haben wir sehr viel weniger Ausfälle gehabt, wobei natürlich jeder Ausfall einer zu viel ist. Hieran werden wir weiter arbeiten.

E&M: Die österreichische Strombörse hat im Februar 2014 angekündigt, dass sie den Viertelstundenhandel Day Ahead anbieten wird, wohingegen die Epex sich da noch skeptisch anhörte. Schließlich sind Sie doch in den Viertelstundenhandel am Vortag eingestiegen. Warum die Verzögerung?

Reitz: Wir hatten schon im Dezember 2011 den Intraday-Handel mit 15-Minuten-Produkten eingeführt, der vom Markt sehr gut angenommen wird. Viertelstunden-Produkte helfen, Rampensituationen zu entschärfen und Flexibilität in den Markt zu bringen. Es war in der Tat ein längerer Abstimmungsprozess mit den Marktteilnehmern, wie man dieses Segment weiter ausbaut. Seit dem 9. Dezember 2014 gibt es Epex-Auktionen für 15-Minuten-Produkte am Vortag. Die Marktteilnehmer haben sich mit großer Mehrheit dafür ausgesprochen, dies in einer separaten Eröffnungsauktion durchzuführen, die immer nachmittags stattfindet, also nach der Stundenauktion am Day-Ahead-Markt.

“Unsere Einnahmen sind nicht davon abhängig, wo der Strompreis gerade steht”

E&M: Profitieren Sie bei Ihren Entgelten von hohen Strompreisen?

Reitz: Nein, das tun wir nicht: Unser Entgeltmodell ist pro gehandelter Einheit, also in dem Fall pro Megawattstunde. Das heißt, unsere Einnahmen sind nicht davon abhängig, wo der Strompreis gerade steht.

“Beim Namen EEX wird es bleiben”

E&M: Ihre Ergebnisse werden immer besser, Sie haben eine Kapitalrendite von 25 oder 30 Prozent, da könnte man jetzt sagen, Sie sind exzellente Geschäftsleute, die das alles einfach super machen. Es könnte natürlich auch sein, dass Sie eine so günstige, monopolartige Stellung haben, dass man an Ihnen gar nicht vorbeikommen kann, wenn man auf Clearing und dererlei Dinge angewiesen ist …

Reitz: Es ist nicht so, dass wir in irgendeiner Form eine Monopolstellung haben. Die Marktteilnehmer haben viele verschiedene Plattformen, wo sie deutschen Strom handeln können. Das sind nicht nur die außerbörslichen Broker-Plattformen, auch andere Börsen wie unsere britischen und skandinavischen Mitwettbewerber bieten ein deutsches Stromprodukt sowie das Clearing dazu an. Dennoch, es ist uns gelungen, in dem Wettbewerb der Börsen untereinander einen Marktanteil von 96 Prozent im deutschen Stromterminmarkt zu erreichen. Wir bekommen das Feedback unserer Kunden, dass wir wohl nicht alles verkehrt machen.

E&M: Sie expandieren nach Singapur und bieten Frachtraten und Dünger an. Dazu auch noch Holz und Papier und andere Agrarprodukte – beim Namen EEX soll es aber in diesem Jahr noch bleiben?

Reitz: Beim Namen EEX wird es bleiben − und zwar nicht nur dieses Jahr, sondern auch in absehbarer Zukunft. Wir werden uns auch weiter in anderen Märkten im Commodity-Bereich engagieren. Im Falle der Frachtraten in Singapur machen wir das über unsere Tochtergesellschaft, die Cleartrade Exchange. Die EEX entwickelt sich von einer reinen Energiebörse zu einer internationalen Plattform für Commodities.

Peter Reitz
leitet seit August 2011 als Vorstandsvorsitzender die Energiebörse EEX in Leipzig. Zuvor war der Diplommathematiker Mitglied des Vorstandes der Terminbörse Eurex. Das Geschäftsjahr 2013 konnte die EEX mit einem Rekordergebnis abschließen: Die Umsatzerlöse der EEX-Gruppe stiegen um 30 Prozent auf 62,2 Mio. Euro (2012: 47,9 Mio. Euro). Das Ergebnis vor Steuern nahm um 32 Prozent auf 17,3 Mio. Euro zu (2012: 13,1 Mio. Euro).

Der vorstehende Beitrag zum Thema Interview mit Peter Reitz, Chef der Leipziger Energiebörse EEX wurde bereitgestellt von:

Energie & Management

Februar 02, 2014

Timm Krägenow

Tel: +49 8152 9311-0 Fax: +49 8152 9311-22 info[@]emvg.de© 2014

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