Der Bürger-Stadtwerker

Bild: Fotolia.com, Photo-K

Als Chef der Stadtwerke Wolfhagen hat sich Martin Rühl dafür stark gemacht, dass sich eine Bürgerenergiegenossenschaft an dem Unternehmen beteiligen konnte – eine Beteiligung, von der der Kommunalversorger profitiert. Ob der Rödeser Berg mit einer Höhe von 379 m wirklich ein richtiger Berg ist, darüber mögen sich Geographen und Kartographen streiten. Die wuchtige Erhebung im nordhessischen Naturpark Habichtswald ist für die Stadtwerke im unmittelbar angrenzenden Wolfhagen trotz des ungeklärten Status von großer Bedeutung. Wenn bis zum Weihnachtsfest die vier Enercon-Windturbinen, deren Errichtung seit Wochen läuft, in Betrieb sind, dann wird die 14 000-Einwohnerstadt gut 30 km westlich von Kassel rechnerisch zu 100 Prozent mit Ökostrom versorgt sein. Für Martin Rühl, seit 2001 Geschäftsführer des Kommunalversorgers, ist damit ein wichtiges Etappenziel erreicht: „Darauf haben wir die vergangenen Jahre hingearbeitet. Denn die Lokalpolitik hatte uns 2008 vorgegeben, das 100-Prozent-Ziel bis zum Jahr 2015 zu erreichen.“ Für diese zeitliche Punktlandung sorgt nicht nur der Windpark Rödeser Berg, sondern es sorgen dafür auch der stadtwerkseigene Solarpark Gasterfeld mit einer Leistung von 5 MW, eine Biogasanlage sowie mehrere private Photovoltaikanlagen. Wolfhagen ist beileibe nicht die erste Kommune bundesweit, die eine bilanziell vollständige Grünstromversorgung erreicht, weiß Peter Moser: „Da gibt es sicherlich einige kleinere Kommunen an der Küste oder in Bayern, die rechnerisch noch höhere Ökostromwerte aufweisen“, sagt der Leiter Nachhaltige Regionalentwicklung Dezentrale Energiekonzepte beim Institut dezentrale Energietechnologien in Kassel. „Es hängt immer davon ab, ob, wie viele und welche Ökokraftwerke in einer Kommune installiert sind.“ Auf die bilanzielle Betrachtung kommt es Moser auch nicht so an: „Viel wichtiger ist es, dass es die Kommunen schaffen, die Erzeugung regenerativer Energien dem Verbrauch anzupassen und so eine 100-prozentige Versorgung zu erreichen.“ Martin Rühl weiß, dass er diesen Weg zu einem komplett „grünen“ Stadtwerk gehen muss – und auch will: „Darauf sind unsere nächsten Anstrengungen ausgerichtet.“ Zum Ende dieser Dekade soll der grüne Eigenversorgungsgrad über das ganze Jahr gesehen zwischen 85 und 90 Prozent liegen – was dem Ziel einer 100-Prozent-Erneuerbaren-Stadt sehr nahe kommt.

Erfolgreiche Stromnetzübernahme im Jahr 2006 von Eon Mitte

Elfried Evers hat keinen Zweifel an dieser Entwicklung. Der Berater aus dem Aachener BET Büro begleitet Martin Rühl bereits seit 2006, als die Stadtwerke Wolfhagen nach über fünfjährigem Ringen die Stromnetze in elf Ortsteilen von Eon Mitte übernahmen. „Martin Rühl ist sehr zielstrebig und schafft es, seine Ziele nachhaltig und langfristig zu verfolgen“, urteilt Evers, „dabei gelingt es ihm immer wieder, sein Umfeld zu begeistern.“ Bei ihm hätten Werte wie Identifikation und Akzeptanz einen hohen Stellenwert.

Martin Rühl: “Wir wollen den regenerativen Eigenversorgungsgrad auf 85 bis 90 Prozent bis Ende dieses Jahrzehnts erhöhen” Bild: Stadtwerke Wolfhagen Dass der David Wolfhagen sich bei der Netzübernahme gegen den Goliath Eon durchsetzen konnte, verbucht Rühl im Rückblick als „schönen und wichtigen Erfolg“. Dass seine Stadtwerke trotz der erfolgreichen Teilrekommunalisierung und der im Jahr 2007 erfolgten Umstellung der Stromlieferung auf 100 Prozent Wasserkraft Kunden im angestammten Absatzgebiet verloren haben, brachte ihn aber ins Nachdenken. Wie können wir die Wolfhagener Bürger enger an die Stadtwerke binden, fragte er sich: „Was lag da näher, als sie direkt an unserem Unternehmen zu beteiligen.“ Von der Idee bis zur Verwirklichung gingen zwar einige Tage ins Land, aber am 1. März 2012 stimmte Wolfhagens Stadtrat zu, 25 Prozent der Stadtwerkeanteile an die zwischenzeitlich gegründete BürgerEnergieGenossenschaft (BEG) Wolfhagen abzutreten. Rund 2,3 Mio. Euro hatte die BEG eingesammelt, um Mitgesellschafter werden zu können. Evers spricht von „einer Besonderheit in der deutschen Stadtwerke-Landschaft.“ Kurt Berlo, Kommunalexperte am Wuppertal Institut, attestiert Wolfhagen dank der hohen Bürgerbeteiligungsrate „ein Alleinstellungsmerkmal“. Sicherlich gebe es bundesweit noch einige bäuerliche Energiegenossenschaften aus den Anfangstagen der Elektrifizierung, die vollständig im Besitz ihrer Anteilseigner sind, „aber ein Stadtwerk, das sich seinen Bürgern wie in Wolfhagen so weit geöffnet hat, gibt es bundesweit nirgendwo“.

Stadtwerke verzichten auf ein Viertel ihres Gewinns

Die Bürgerbeteiligung an dem Wolfhagener Kommunalversorger nötigt auch Dieter Attig, dem langjährigen Geschäftsführer der Stadtwerke in Lemgo und später in Aachen, Respekt ab: „25 Prozent Bürgerbeteiligung heißt auch, dass ein Viertel der Gewinne des Stadtwerkes nur indirekt in der Stadtkasse landet.“ Im Lemgo, erzählt Attig, habe es zu seinen Zeiten ebenfalls Gedankenspiele um eine Bürgerbeteiligung gegeben – die allerdings verworfen wurden: „Die Gewinne, die an die Genossenschaft abgeflossen wären, hätten der Stadt für den Betrieb von Bussen und Bädern gefehlt.“ Vor diesem Hintergrund sei die Einbindung der BEG in Wolfhagen umso bemerkenswerter. In der Bürgerbeteiligung sieht Attig aber auch das Fundament für die weitere Selbstständigkeit des kleinen Stadtwerkes: „Wolfhagen hat sicherlich Defizite in der Kostendegression. Umso wichtiger ist es, bestehende Kunden zu halten.“ Die BEG ist für Martin Rühl jedoch mehr als ein Kunden-Erhaltungsprogramm. Die Mitglieder sind für ihn auch überzeugte Botschafter seiner Idee von einer vollständig regenerativen Vollversorgung. Dank der aktuell mehr als 700 Genossen, die über die BEG mit zwei Sitzen im Aufsichtsrat des Kommunalversorgers vertreten sind, fällt es den Stadtwerken auch leichter, Vorwürfe erhoben, wie jüngst wegen zu hoher Strompreise, abzuwehren. „Mit der BEG als Miteigentümerin ist es für uns als Stadtwerk schlicht unmöglich, Gewinne auf Kosten unserer Kunden zu maximieren“, reagierte Rühl kürzlich gelassen auf Vorwürfe aus Verbraucherschutzkreisen, Energieversorger würden günstige Einkaufspreise nicht an ihre Stromkunden weitergeben. Die BEG stärkt dem Stadtwerkechef auch bei Protesten gegen den Windpark Rödeser Berg den Rücken. Eine mitunter lautstarke Protestinitiative gegen die vier Enercon-Turbinen ist bis heute aktiv: „Es ist keine Frage, dass die Bürgerenergiegenossenschaft hilft, den Windpark zu legitimieren“, so der Geschäftsführer. Dass Rühl energiepolitisch einiges in Wolfhagen bewegt hat, ist für Wilfried Steinbock unbestritten: „Er ist einer der wenigen Visionäre, die es geschafft haben, den Spagat von der Entstehung bis zur Realisierung einer Idee zu schaffen“, sagt der BEG-Vorsitzende. Für Rühl spreche auch, dass er über den Tellerrand hinausschaue. So zähle er beispielsweise zu den „Antreibern“ der Stadtwerke Union Nordhessen (SUN), eines Zusammenschlusses von mehreren Kommunalversorgern in der Region, dem neben Wolfhagen die Stadtwerke aus Bad Soden-Allendorf, Eschwege, Homberg (Efze), Kassel und Witzenhausen angehören. Im SUN-Verbund ist Wolfhagen das einzige Stadtwerk mit einer Bürgerenergiegenossenschaft als Mitgesellschafter. „Da steht unsere Lokalpolitik dahinter“, sagt Steinbock. „Schön wäre es, wenn es anderswo auch einen Martin Rühl gäbe. Denn der Mann ist in der Energiewirtschaft seiner Zeit ein Stück weit voraus.“

Der vorstehende Beitrag zum Thema Stadtwerke wurde bereitgestellt von:

Energie & Management

Dezember 10, 2014

Ralf Köpke

Tel: +49 8152 9311-0

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