Oberbayerisches Risikomanagement in Oslo

Bild: Fotolia.com, WoGi

1,5 Mrd. Euro haben die Stadtwerke München und ihre Partner in die Suche und Förderung von Gas und Öl investiert. SWM-Chef Florian Bieberbach sieht darin ein profitables und von den Schwankungen der deutschen Strommärkte unabhängiges Geschäftsfeld. „Die Oberbayern und die Norweger sind sich ähnlicher als man vielleicht denkt. Ansonsten kommt es auf das richtige Risikomanagement an“, sagt Florian Bieberbach, Sprecher der Geschäftsführung, über das Engagement seines Unternehmens in der Gas- und Ölförderung auf der hohen See vor Norwegen. Im Jahr 2006 haben die Stadtwerke München entschieden, in den Meeren zwischen Norwegen und Großbritannien in das Upstream-Geschäft einzusteigen. Rund 1,5 Mrd. Euro hat das Unternehmen, deren Tochter Bayerngas und zwei kleine Minderheitseigentümer aus der Schweiz und Österreich bislang in die Bayerngas Norge mit Firmensitz in Oslo investiert. Für ein kommunales Unternehmen, das sonst U-Bahnen, Stromnetze und Fernwärme im eigenen Stadtgebiet betreibt, ist das ein sehr ungewöhnlicher Schritt.
Und doch eine völlig richtige Entscheidung, ist sich Bieberbach sicher: „Im wesentlichen gibt es zwei Gründe: Wir sichern damit München gegen politische Risiken der Erdgasversorgung ab. Und für die Stadtwerke München reduzieren wir das Risiko durch den Aufbau eines profitablen und von den Schwankungen der deutschen Strommärkte relativ unabhängigen Geschäftsfelds.“ Durch die eigene Erdgasförderung seien die Münchner Erdgaskunden und die Stadtwerke München sehr gut abgesichert, wenn die Gaspreise plötzlich stark ansteigen sollten. Angesichts der Unsicherheiten durch die Ukraine-Krise und durch den offenkundigen Einsatz von Gaspreisen als politisches Mittel sieht Bieberbach diese Strategie bestätigt. Zwar würde bei einem völligen Ausfall der Gaslieferungen durch die Ukraine die Versorgungssicherheit in Deutschland wohl nicht gravierend gefährdet, aber: „Wir müssten mit deutlich höheren Gaspreisen rechnen.“

Finanzielles Engagement und Haftung werden strikt begrenzt

Ist das Engagement im Gas- und Ölgeschäft ein unberechenbares Abenteuer? Die SWM und ihr Chef Bieberbach haben strikte Kriterien für ein klares Risikomanagement gesetzt. „Financial Exposure (das finanzielle Engangement; d. Red) und Haftung werden strikt begrenzt. Wir legen viel Wert auf die Gewinnung von erfahrenem und umsichtigem Personal vor Ort“, sagt Bieberbach. Außerdem sei eine konservative Unternehmensstrategie festgelegt worden. „Wir lassen von Zeit zu Zeit externe Experten auf das Unternehmen blicken und bleiben von München aus in ständigem Dialog mit dem Management vor Ort.“

Die Plattform “Maersk Inspirer” beutet ein Gasvorkommen 200 Kilometer westlich von Stavanger aus. Bayerngas Norge ist mit zehn Prozent beteiligt, die Betriebsführung liegt bei Statoil

Bild: Maersk/Statoil

In den ersten Jahren hat sich Bayerngas Norge in produzierende Gasfelder eingekauft, um schnell einen eigenen Cashflow zu erreichen. Jetzt soll das Unternehmen aus sich selbst heraus wachsen. „Wir wollen mit der Bayerngas Norge keine größeren Firmenzukäufe mehr tätigen. Wir setzen jetzt auf organisches Wachstum durch die Exploration und die Entwicklung eigener Felder“, sagt Bieberbach.

Der gelernte Informatiker und Wirtschaftswissenschaftler gibt gerne zu, dass der norwegische Staat den Einstieg in die Exploration leicht macht. Er erstattet 78 % der Explorationskosten unabhängig davon, ob eine Bohrung erfolgreich war oder nicht. „Der Fiskus schlägt erst zu, wenn eine Quelle Gas oder Öl produziert. Die Steuern auf Gewinne aus dem Öl- und Gasgeschäft sind mit ebenfalls 78 Prozent extrem hoch.“

Die Regierung in Oslo steuere sehr genau die Exploration und den Abbau der Öl- und Gasvorkommen, sagt der Stadtwerke-Chef: „Das ist vielleicht eine Folge des sozialdemokratischen Gedankens, der hier bis vor kurzem noch sehr stark war. Die Regierung setzt auf einen Wettbewerb zwischen großen und kleinen Unternehmen um die beste Qualität. Die Lizenzen werden kostenlos vergeben. Es entscheidet nur die fachliche Qualität der Anträge.“ 2014 hat Bayerngas Norge alle Lizenzen erhalten, um die sie sich beworben hat: „Wir sind sehr zufrieden, und sehen dies als Auszeichnung für die Arbeit der Kollegen in Oslo.“

Florian Bieberbach überwacht von München aus die Suche nach Gas und Öl durch das Tochterunternehmen Bayerngas Norge: “Die Oberbayern und die Norweger sind sich ähnlicher als man vielleicht denkt.”
Bild: E&M

Eine direkte Belieferung der Kunden in München aus der eigenen Gasförderung in Norwegen ist aufgrund der Gegebenheiten des europäischen Pipelinesystems nicht möglich. Aber das Ziel, so viel Erdgas zu fördern, dass damit rechnerisch die Münchner Heizgaskunden versorgt werden können, ist erreicht. Die Bayerngas Norge wird in diesem Jahr voraussichtlich rund 6 TWh Erdgas fördern, der Verbrauch der Münchner Heizgaskunden dürfte 2014 deutlich unter diesem Wert liegen. „Wir wollen ab 2020 das erste deutsche Versorgungsunternehmen sein, das so viel Erdgas aus eigenen Quellen gewinnt, wie seine Privat- und Geschäftskunden verbrauchen“, setzt Bieberbach das nächste Ziel.

Mittlerweile ist das Unternehmen an vier produzierenden Feldern in Norwegen und an zwei in Großbritannien beteiligt. 2016/2017 werden drei weitere große Felder in die Produktion gehen. Das Feld Cygnus in Großbritannien, an dem Bayerngas Norge beteiligt ist, ist die größte Gasentwicklung im britischen Nordsee-Sektor in den vergangenen 25 Jahren. Es wird Gesamtinvestitionen von mehr als 2 Mrd. Euro erfordern und der zweitgrößte Lieferant im britischen Markt werden. Das Feld Hejre ist das größte neue Feld in Dänemark in den vergangenen 20 Jahren; es wird insgesamt mehr als 1,5 Mrd. Euro an Investitionen benötigen. Das norwegische Feld Ivar Aasen wird insgesamt mehr als 3 Mrd. Euro brauchen.

„Auch wenn wir in allen Feldern nur kleiner Partner sind: Unser Cashflow reicht zurzeit noch nicht aus, alle Investitionen aus eigenen Mitteln zu finanzieren“, sagt Arne Westeng, Vorstandsvorsitzender von Bayerngas Norge: „Im Moment sind wir noch auf Kapital und Kredite der Anteilseigner angewiesen. Unser Ziel ist, dass sich die Firma so schnell wie möglich selbst finanzieren kann. Wir werden bald zehn produzierende Felder haben und sind somit auf einem guten Weg.“ Dass sich das Unternehmen Öl fördert, gehört ebenfalls zur Begrenzung der Risiken: „Es ist auch ein Teil des Risikomanagements, nicht nur auf Gas zu setzen. Die Ölpreise sind im Moment sehr niedrig, der Gaspreis ist okay. Vor wenigen Wochen war es noch andersherum“, sagt Westeng.

Der vorstehende Beitrag zum ThemaStadtwerke München wurde bereitgestellt von:

Energie & Management

November 05, 2014

Timm Krägenow

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